Deutsche Sprache, lange Sprache
Jeder, der schon einmal aus dem Englischen übersetzt hat, kennt das Phänomen: Der deutsche Text ist anschließend 10 bis 15 Prozent länger als das Original. Unsere Worte bestehen viel häufiger aus mehreren Silben als englische Begriffe und sind oft aus verschiedenen Wörtern zusammengesetzt. Der Donaudampfschifffahrtskapitänsmützenhalter ist das notorische Beispiel dafür.
Das stellt uns im Layout vor manches Problem. Überschriften, Vorspänne und Bildunterschriften werden viel länger als bei unseren britischen Kollegen. Wir müssen noch knapper und präziser formulieren, um die britischen Titelseiten zu adaptieren. Bei einigen Titelbildern (siehe Foto) haben wir es deshalb einmal ausprobiert.
Auch der Flattersatz läuft im Deutschen nicht so elegant, wie beim britischen Original: Immer wieder entstehen hässliche Löcher, weil lange Wörter nicht mehr in die Zeile passen. Da hilft nur ein gutes Programm zur Silbentrennung – und nicht selten müssen wir von Hand nachhelfen.
Einige deutsche Layouter benutzen sogar lieber englischen als deutschen Blindtext, wenn sie Seiten gestalten. Denn dann füllt der Lauftext viel gleichmäßiger die Spalten, Bilder wie Illustrationen heben sich besser ab. Letztlich sind für die Grafiker unsere mühsam verfassten Artikel eh nicht mehr als Grauwert. Doch ein wenig Streit darüber, was wichtiger ist – Layout oder Text –, kann nicht schaden.
Es geht los
Endlich! Die ersten Kollegen sind da und wir haben unsere Redaktionsräume bezogen. Eine ganze Büroetage für uns in den alten Räumen von Spiegel Online – wenn das kein gutes Omen ist (Hm, darf ein seriöser Wissenschaftsjournalist eigentlich von Vorzeichen sprechen? Interessante Frage.). Nachdem wir eine kleine Housewarming Party gefeiert haben, arbeiten wir jetzt mit Hochdruck am Projektplan bis zum ersten Heft. Parallel entwickeln wir den Dummy weiter. Viele Fragen sind zu klären: Was übernehmen wir, was ändern wir? Wie wird die Heftstruktur aussehen? Was entwickeln wir als eigene Rubriken? Es bleibt spannend.
Tolle Personalie
W
ir haben Matthias Urbach als Ressortleiter gewinnen können, worüber ich mich sehr freue. Er ist damit Mitglied des Führungsteams und wir werden bestimmt von seinen Erfahrungen als Leiter von taz.de profitieren können. Er hat das Online-Ressort der taz seit 2007 aufgebaut und beispielsweise dort das freiwillige Bezahlen als Alternative zur Paywall etabliert. Matthias Urbach ist Physiker und hat viel über Energie- und Umweltthemen geschrieben, unter anderem für “Geo”, “Zeit Wissen” und “Technology Review”.
Wie göttlich ist das Gottesteilchen?
In den vergangenen zwei Wochen hat der – vermutlich erfolgreiche – Nachweis des Higgs-Boson für viel Rauschen im Blätterwald gesorgt. Ehrfürchtig schrieben die Kollegen von der Süddeutschen bis zur Bild-Zeitung über die Entdeckung des Gottesteilchens. Nur wenige der Medien erklärten aber, wer dem Elementarteilchen diesen Spitznamen gegeben hat – und eigentlich niemand, wie beeindruckt der liebe Gott von den Messergebnissen am Cern ist.
Die Bezeichnung für das neue Mitglied im Teilchen-Zoo geht auf den US-amerikanischen Physiker und Nobelpreisträger Leon M. Lederman zurück. Er hat 1993 ein Buch mit dem programmatischen Titel “The God Particle: If the Universe Is the Answer, What Is the Question?” veröffentlicht. Darin beschreibt er die Entwicklung der Teilchenphysik seit der Antike. Auf Seite 22 erläutert er dann, warum er dem Higgs-Boson den Titel Gottesteilchen verliehen hat. Es sei schließlich absolut “entscheidend, um die Struktur der Materie endgültig zu verstehen, und gleichzeitig so sehr schwer fassbar”. Doch dann verrät er noch einen zweiten Grund: Eigentlich habe er es das “gottverdammte Teilchen” (“Goddamm Particle”) nennen wollen, wegen seiner heimtückischen Natur und den Kosten, die es verursacht. Aber sein Verleger sei dagegen gewesen. Der Erfolg des Buches – und des Spitznamens – hat ihm recht gegeben.
P.S.: Auf Deutsch ist das Buch übrigens unter dem Titel “Das schöpferische Teilchen” erschienen. Wie langweilig.
Blick hinter die Kulissen
In dieser Woche hatte ich die Chance, ganz tief in die Welt des New Scientist einzutauchen. Unsere britischen Kollegen haben uns mehr als nur einen Blick hinter die Kulissen gewährt. Am Dienstag ging es vor allem um das Geschäft, am Mittwoch konnte ich mit allen wichtigen Leuten aus der Redaktion sprechen. Ich habe im Laufe meines Berufslebens einige Magazine kennengelernt, aber noch kein einziges, das so reflektiert war.
Jeremy Webb, Editor in Chief, und sein Team stellen immer wieder Hypothesen über ihre Arbeit auf und testen sie dann. Besonders spannend fand ich ihre Analysen, welche Titelgeschichten erfolgreicher als andere sind. Sie haben nicht nur untersucht, welche Themen sich am Kiosk gut verkaufen, sondern auch, welche Farben, Formen und Motive. Chemie mögen die Leser nicht so, Spinnen auf dem Titel auch nicht. Die Kollegen haben sogar neurowissenschaftliche Experimente durchgeführt, um die Wirkung verschiedener Titelvarianten zu testen.
Wir hier in Deutschland hoffen von diesen Erfahrungen profitieren zu können. Seien Sie also auf unsere künftigen Titel gespannt.
Zur selben Zeit, zu der wir in London zusammen saßen, hat das Cern in Genf die Existenz des Higgs-Boson bestätigt. In der Redaktion des New Scientist vibrierte es. Eine Kollegin hatte extra ihren Urlaub unterbrochen, um bei diesem Ereignis dabei zu sein; Celeste Biever hat live aus Genf berichtet. Fernsehsender aus aller Welt riefen beim New Scientist an und baten um Interviews. Sehr beeindruckend.
Was kann, was soll Wissenschaftsjournalismus?
Derzeit führe ich fast täglich Bewerbungsgespräche. Alle sind sehr interessant, ich lerne immer wieder spannende Menschen kennen. In vielen der Gespräche streifen wir auch irgendwann das Selbstverständnis unserer Profession. Dabei gibt es zwei Haltungen. Die einen verstehen Wissenschaftsjournalisten als Mittler zwischen Forschern und Lesern. Die anderen meinen, Wissenschaftsjournalismus habe durchaus auch eine Wächterfunktion gegenüber der Forschung.
Wie sehen Sie das? Welche Rolle hat Wissenschaftsjournalismus?
Beeindruckendes Feedback
Vom “Standard” in Österreich bis zu “bild.de” in Deutschland – viele Medien haben über den Start des deutschen New Scientist berichtet. Eigentlich waren alle wohlwollend, was uns sehr gefreut hat. Genauso wichtig: der Zuspruch vieler Kollegen. Einer meinte, der New Scientist sei gerade das Thema in der Szene der Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten. Dafür sprechen die vielen interessanten Bewerbungen, die mittlerweile eingetroffen sind. Noch sind nicht alle Stellen besetzt, wer sich bewerben will, kann das hier tun.
Willkommen beim deutschen New Scientist
Hier in unserem Redaktionsblog werden wir Sie über Fortschritte, Eindrücke und Erfahrungen beim Launch des deutschen New Scientist auf dem Laufenden halten – Sie sind herzlich eingeladen mitzudiskutieren.
Bisher gibt es im deutschsprachigen Raum kein vergleichbares Magazin, das sich so aktuell und umfassend mit den wichtigsten Trends in Wissenschaft und Technik auseinandersetzt. Und das, obwohl beispielsweise die neuesten Erkenntnisse über unser Gehirn, Umweltzerstörungen durch den Klimawandel oder die Dynamik des Internets das Leben jedes Einzelnen, die Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganzes stärker denn je beeinflussen. Wenn Sie wissen wollen, wie das Universum entstanden ist und was die Welt im Innersten zusammenhält, was Bewusstsein ausmacht und wie wir morgen arbeiten werden, dann ist der New Scientist das richtige Magazin für Sie.
Mehr über unser Projekt erfahren Sie in der offiziellen Pressemitteilung des SPIEGEL-Verlags.